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Dan Josefsson: Der Serienkiller, der keiner war

…und die Psychotherapeuten, die ihn schufen.

Das Buch startet mit einer Ortsbegehung der Kriminalpolizei zusammen mit dem mutmaßlichen Täter Sture Bergwall im Sommer 1997. Ohne jegliche Vorkenntnisse wundert man sich als Leser sofort, was da vor sich geht und muss sich schon das Lachen verkneifen, weil es einfach zu grotesk ist, wie viele Fehler gemacht werden. Nach diesem Einstieg geht der Autor zurück an den Beginn zweier Leben: Es wird die Kindheit von Sture Bergwall und die Lebensgeschichte von Margit Norell erzählt. Schrittweise nähert man sich einem der größten Justizskandale an.

Sture Bergwall ist ein schwedischer Drogenhändler und Kleinkrimineller. Er hat nie den „richtigen“ ehrlichen Weg für sich gefunden. Anfang der 90er Jahre wird er in die forensische Abteilung einer psychiatrischen Klinik eingewiesen. Hier hat er ein relativ geschütztes Leben und erlebt so etwas wie Alltag und Normalität. Zudem hat er Zugang zu Medikamenten von denen er rasch abhängig ist. Als seine Entlassung ansteht, wird er panisch. Was soll er in der normalen Welt mit sich anfangen? Er kennt niemanden, hat keine Freunde, er fühlt sich dort, wo er ist wohl. Er sieht nur einen Ausweg: er gesteht seinem Therapeuten einen Mord und kann bleiben.

Parallel erfährt der Leser von Margit Norell, die sich als Psychotherapeutin berufen sieht und die ganz neue Wege gehen will. Sie glaubt fest an ihre Ideen und duldet in ihrem Umkreis nur Gleichgläubige. Kritik an ihr oder ihren Ideen akzeptiert sie nicht, sie baut nach und nach immer wieder sektenähnliche Vereinigungen auf. Hauptidee ihrer Psychotherapie ist, dass Taten ihren Ursprung in verdrängten Ereignissen der Kindheit sind. Viele verdrängen v.a. den Missbrauch als Kinder so gut, dass man als Therapeut diesen nur mit suggestiven Fragen herausbekommt. Hier kommt der Knackpunkt der Theorie: Viele haben diesen Missbrauch nie wirklich erlebt, aber die Therapeuten rund um Margit reden es ihren Patienten erfolgreich ein.

Bei Sture Bergwall wird dies ebenfalls getan. Er erfindet mit Hilfe seiner Therapeuten immer neue Geschichten und wird von Ihnen gegenüber der Polizei in Schutz genommen. Mord um Mord gesteht er – dabei war er nie auch nur in der Nähe! Ungereimtheiten werden unter den Teppich gekehrt, zurecht gebogen oder einfach so lange suggestiv befragt, bis Sture die korrekte Antwort gibt.

All dies wird auf den gut 600 Seiten von Dan Joseffsson erzählt. Man staunt immer mehr, man wird immer fassungsloser und ratloser als Leser. Wie eine kleine Gruppe Psychotherapeuten solch falsche Geständnisse erzeugen konnten. Als Leser hat man gerade mit Sture wahnsinnig Mitleid, da er irgendwann aus seiner Drogensucht und dem Einfluss der Therapeuten nicht mehr herausfindet. Er verbringt große Teile seines Lebens hinter Gittern in der forensischen Klinik.

Der Autor hat es mit diesem Buch verstanden, einen Skandal schrittweise aufzuzeigen und dabei unterhaltsam zu schreiben. So manches Mal glaube man, einen Roman in der Hand zu haben und kein Sachbuch. Es ist sehr interessant zu lesen, welche unterschiedlichen Strömungen in der Psychologie in den letzten Jahrzehnten Einfluss hatten und mit welchem Ergebnis. Das Buch ist bis ins Detail super recherchiert und spannend geschrieben. Ich kannte den Fall vorher nicht, um so interessanter war es aber. Nur gegen Ende hat es sich etwas in die Länge gezogen, da sich vor allem die Ereignisse um Margit immer wieder wiederholten. Ich kann für alle an Psychologie interessierten aber eine klare Leseempfehlung aussprechen.

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