0 In Allgemein/ Erzählung/ Kiepenheuer&Witsch

Tim Krohn: Menschliche Regungen

Tim Krohn hat sich ein grandioses Konzept ausgedacht: Crowdfunding für einen Roman bzw. Kurzgeschichten. Um einen Hausumbau zu finanzieren, bot Tim Krohn an, zu jeweils einen Begriff eine Kurzgeschichte zu schreiben. Diese kann man sozusagen in Auftrag geben. Eine Liste von über 1000 Gefühlen, Stimmungen und Gefühlslagen stand dabei zur Auswahl. Die Teilnehmer konnten neben dem ausgewähltem Begriff noch 2 bis 3 Worte angeben, die in der Geschichte vorkommen sollen. Dieses Projekt hatte schnell Erfolg, so dass der Autor kaum mit Schreiben nach kommt. Die ersten Geschichten wurden nun in einem Band („Herr Brechbühl sucht eine Katze“) veröffentlicht, zwei weitere Bände folgen zeitnah.

Der Autor lässt alle Geschichten in einem Mietshaus in Zürich spielen mit verschiedenen Parteien, die als Nachbarn unterschiedlich interagieren. Man schaut quasi durchs Schlüsselloch bzw. über den Hof in die Wohnungen herein. Für mich, die wie eine alte Omi am Fensterbrett sein kann und die diese Hinterhofatmosphäre in einer Schweizer Wohnung tatsächlich einmal hatte, war es wie ein Deja vu. Auch ich habe mir immer überlegt, was da gegenüber im Haus gerade passiert, was meine italienischen Nachbarn oben drüber da alle 2 Wochen machten (Formel 1 schauen lautstark! und Kind mit Bobbycar durch die Wohnung rasen…) usw.

Tim Krohn_Menschliche RegungenTim Krohn nimmt einen mit in dieses Haus und man lernt nach und nach alle Bewohner kennen. Start ist die Neujahrsnacht 2000 – wo man ja mit dem Schlimmsten rechnete und auch Bewohner Hubert Brechbühl ist auf alles vorbereitet. Schon diese Startgeschichte ist urkomisch und anderseits auch bewegend, wie ein alter Mann da mit Notfallausrüstung auf den Weltuntergang wartet. Es sind immer nur Momentaufnahmen, wie bei einer Kurzgeschichte ja nicht anders möglich, aber trotzdem bildet alles zusammen eine angenehme Einheit. Viele Dinge werden angedeutet, Geschichten angerissen und man möchte wissen, wie es weitergeht. Eine ganz eigene Spannung baut sich auf, man leidet mit den Bewohnern, hofft und bangt mit Ihnen. Die Geschichten haben häufig eine Situationskomik und berühren auf den zweiten Blick mit Tiefgründigkeit. Man möchte mehr über die elf Bewohner und Bewohnerinnen erfahren und freut sich schon auf die vielen noch kommenden Begriffe.

 

 

Teile diesen Beitrag!

Das könnte dich auch interessieren

Keine Kommentare

Kommentiere