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Thea Dorn: Die Unglückseligen

Mit „Die Unglückseligen“ hat Thea Dorn einen sehr außergewöhnlichen, sich positiv aus dem Einheitsbrei heraushebenden, Roman geschaffen. Die Frage nach dem Sinn des Lebens, dem Streben nach Unsterblichkeit oder zumindest einem längeren Leben geht die Autorin leicht ironisch auf den Grund. Ich bin von großen Teilen des Romans restlos begeistert, sehe aber auch die Schwierigkeit in den Stoff ohne vorherige Erklärung herein zu finden. Ich hatte das Glück, eine Lesung in Jena vor dem Lesen zu besuchen. Da ein kleiner Teil der Geschichte meine Heimatstadt Jena als Schauplatz enthält, war es quasi Pflicht, den Roman zu lesen!Thea Dorn_Die Unglückseligen

Die moderne Molekularbiologin Johanna Mawet trifft durch einen Zufall im Supermarkt auf einen scheinbar altertslosen Verrückten, der sich nach Johann Ritter benennt, einem 1176 in Schlesien geborenen Physiker. Johanna ist zum einen skeptisch aber auch neugierig genug und will unbedingt herausfinden, welches Geheimnis Johann hat. Sie lässt seine DNA untersuchen, die dem eines 30jährigen entspricht. Gleichzeitig weist Johann aber Altersmerkmale jenseits der 30 auf, so dass sie stutzig wird und ihn nicht eindeutig als Schwindler outen kann. Nachdem er ihr auch noch am lebenden Beispiel beweist, dass ihm Gliedmaßen nachwachsen (er hackt sich einen Finger ab, der langsam nachwächst), ist Johanna endgültig fasziniert. Ganz Wissenschaftlerin versucht sie mit allen Mitteln herauszufinden, wie es Johann Ritter schaffen konnte, 240 Jahre alt zu werden. Sie geht so weit, dass sie ihn alle damaligen Experimente an sich selbst nachstellen lässt, um ebenso unsterblich zu werden. Woher ihre Sehnsucht zum Unsterblichen gründet – außer aus wissenschaftlichen Gründen – ist schwer nachzuvollziehen, scheint sie doch ein eher langweiliges Leben zu haben.

Thea Dorn vereint in ihrem Roman viele verschiedene „Sprachstile“ – während Johanna hochdeutsch spricht, kommt Johann Ritter mit seiner altertümlichen Barocksprache daher, Nachbarn in Bayern mit tiefsten Dialekt und Fachgespräche sowie der Aufenthalt in den USA werden mit Dialogen in Englisch ergänzt. Ein bunter Mischmasch, der es zum einen schwer macht zu lesen, zum anderen aber auch den Roman zu etwas besonderem macht. Mir haben vor allem Johanns Stil und seine Reflektionen über seine Zeit, seine Erinnerungsfetzen an sein Leben zu Zeiten Goethes gefallen. Es war trotz der altertümlichen Sprache verständlich und Johanns Antworten in Gesprächen der Neuzeit muteten so manches Mal (unfreiwillig) komisch an.

Beide Hauptfiguren werden sehr lebendig, ausführlich erlebbar dargestellt. Man fiebert mit beiden mit, kann sich mal mit dem einem, mal mit dem anderen mehr identifizieren. Man versteht das wissenschaftliche Interesse von Johanna Mawet an der Unsterblichkeit genauso, wie die Todessehnsucht von Johann Ritter. Im Verlauf der Geschichte verbindet die beiden immer mehr und trotz allem hat mich das Ende sehr überrascht.

Die Handlung des Romans ist vielschichtig, flüssig geschrieben, auf eine Art auch spannend, da man hinter des Geheimnis um Johann Ritter kommen möchte. Die Verbindung von fantastischem, philosophischem und historischem Stoff mit der moderenen Wissenschaft ist Thea Dorn ausgezeichnet gelungen. Einzig und allein das Faustmotiv und der Teufel sind mir fremd geblieben. Sie waren für mich wie ein zusätzlich hereingedrücktes Motiv und ich habe es nie mit der eigentlichen Handlung vollends in Bezug bringen können.

Ein überraschend anderer Roman, ein Genuß an Sprache, aber leider mit einigen Längen im Mittelteil des Buches. Der wissenschaftliche Teil wird sehr detailliert beschrieben, was sicherlich eine große Rechercheleistung der Autorin ist,  den Leser aber anstrengt. Einige Passagen sowohl von den Experimentieranordnungen Johannas als auch Ritters und der Einschub von historischen Dokumenten bzw. Erzählmomente des Teufels verleiten dazu, quer zu lesen. Dies ist schade, hier wäre weniger mehr gewesen.

Für anspruchsvolle Leser, die Spaß an einer fiktiven Geschichte mit einem sehr individuellen Sprachmix haben möchten, ist „Die Unglückseligen“ eine klare Empfehlung und Genuß! Man sollte die Längen tapfer durchstehen (hätte Johann Ritter jetzt gesagt) und wird mit dann mit dem überraschenden Ende belohnt.

Sehr informativ für einen ersten Einstieg vor dem Lesen ist der Buchtrailer mit Thea Dorn

 

 

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