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Jodi Picoult: Kleine große Schritte

Jodi Picoults Bücher mag ich ja sehr und ich freue mich, auch das neueste Buch hier vorstellen zu können. Ich habe es schon vor ein paar Wochen gelesen, aber ich tue mich immer wahnsinnig schwer mit dem Schreiben der Rezension. Dies liegt vor allem daran, dass ihre Bücher immer so viel Nachwirkung haben. Man liest sie nicht einfach, stellt sie in den Schrank und nimmt das nächste Buch – nein, die Themen beschäftigen, hängen in den Gedanken und man überlegt, was man nun von dem Buch halten soll. Im aktuellen Roman „Kleine große Schritte“ steht die dunkelhäutige Krankenschwester Ruth im Vordergrund. Ruth erledigt ihre Arbeit seit Jahren zur Zufriedenheit und sie arbeitet gern als Säuglingsschwester.Eines Tages kommt ein weißes Pärchen in die Klinik zur Geburt ihres ersten Kindes. Als sie Ruth als Schwester zugeteilt bekommen, erstarren die beiden und lassen Ruths Vorgesetzte kommen. Sie möchten nicht, dass ihr Kind von einer Schwarzen angefasst und gepflegt wird. Ruths Chefin protestiert nicht, sondern macht einen Vermerk in die Akte und teilt es Ruth mit. Kurz darauf aber, kommt es zu einem Notfall und Ruth steht vor der Frage – allein mit dem hilfebedürftigen weißem Baby – helfen oder nicht?

Jodi Picoult zeichnet ein Bild des heutigen Amerikas mit offenem und verdecktem Rassismus. Sie zeigt anhand dieses Beispiels und des Lebens von Ruth sowie auch des weißen Pärchens wie Vorurteile, Privilegien, Rechte und Mitgefühl entstehen und wie heuchlerisch manche Dinge doch sind. Da ist das Beispiel, das Ruth seit vielen Jahren im selben Job ist und nie befördert wurde, ihre jüngere weiße Kollegin aber nach ein paar Jahren schon von der Kollegin zu Chefin wurde. Beide haben ihren Job gleich gut gemacht…Auch der Rassismus des weißen Pärchens und dessen Familie, die im Untergrund ein Internetportal betreiben, ist erschreckend realistisch dargestellt. Die Autorin versteht es aber, selbst bei so einem ernsten Thema ein paar Überraschungen einzubauen, wovon zumindest eine, mich herzlich lachen ließ.

Im Roman nimmt der Gerichtsprozeß, der an das scheinbare Fehlverhalten von Ruth sich anschließt, einen großen Raum ein. Dazu gehört die Jury Auswahl, die für Europäer sicher recht interessant zu lesen ist. Ich fand die Überlegungen der Anwälte und Recherchen durchaus spannend. Der Prozeß selbst dann verläuft zunächst gut und hat aber dank Ruths Starrsinn so einige Überraschungen. Man möchte „Nicht“! schreien, wenn sich Ruth selbst belastet.

Ich finde es ein sehr schwieriges Thema und es ist auch gerade am Anfang ein Buch, das sehr nahe geht. Es ist kein Roman für nebenbei und ich würde es auch nicht als Unterhaltung lesen. Hier sollte man sich ganz bewußt dafür entscheiden, etwas über Rassismus, das Leben der Schwarzen in den USA und Alltagsdiskriminierung lesen zu wollen. Man kann viel „dazu lernen“ und natürlich hat man viel zum Nachdenken. Es ist ganz klar wieder ein sehr gelungenes und kluges Buch von Jodi Picoult.

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